Meeresschildkröten. Urzeittiere mit ungewisser Zukunft.

 

Schildkröten, ob nun zu Land oder im Wasser gibt es schon lange. Sie haben das Aussterben der Dinosaurier, den Untergang Roms und alle Deutschen Reiche überlebt. Ob sie noch lange da sein werden, ist allerdings fraglich. 

 

Wenn man schon mal Suppenschildkröte heisst, ist der Lebenszweck wohl vorgegeben. Für hungrige Seefahrer, die zu Zeiten von Columbus und Co durch wochenlange Flauten dümpelten, war die Suppenschildkröte dann auch eine mehr als willkommene Abwechslung zur Rum und Zwieback Diät. Ausgewachsene Tiere erreichen ein Gewicht von bis zu 180 Kilogramm, d.h., selbst minus Panzer, Schnabel und kralligen Füssen blieb sicher eine grössere Portion Essbares übrig. Auch wenn das Gefangen- und Gegessenwerden für die einzelne Schildkröte sicher ein einschneidendes Erlebnis war, die Seefahrer von damals waren kein Problem für den Gesamtbestand dieser Tiere.

 

Stark gefährdet

 

Das hat sich heute grundlegend geändert. In den letzten Hundert Jahren haben Umweltverschmutzung, verbaute Strände, Eierdiebe und Fischerei, kurz: der Mensch, dafür gesorgt, dass fast alle Meeresschildkrötenarten als stark bedroht gelten. Auch die Suppenschildkröte steht auf der Roten Liste der stark gefährdeten Arten.

Da die Suppenschildkröte allein zwanzig Jahre braucht, um überhaupt geschlechtsreif zu werden, ist es wohl unstrittig, dass die Population der Suppenschildkröten mit jeder Suppe weiter schrumpft. Und auch wenn die Suppenschildkröte mittlerweile Grüne Meeresschildkröte genannt wird –  an ihren Status als Delikatesse für reiche Gourmands, äh, Gourmets natürlich, hat sich nichts geändert. Gab es vor ein paar Hundert Jahren noch Millionen dieser Art, sind es nun weltweit noch etwa 200’000. 

Wenn man bedenkt, dass Meeresschildkröten die Ozeane 225 Millionen Jahre lang bevölkerten, und nun nahezu ausgerottet sind, ist das eine sportliche Leistung des Homo sapiens. 

 

Gefressen und gegrillt

 

Wobei anzumerken wäre, dass Meeresschildkröten sich auf eine nicht sehr effektive Art vermehren: Alle zwei bis drei Jahre kommen die Weibchen an ihren Geburtsstrand, um dort ihr Eier abzulegen. Sie legen zwar sehr viele Eier ab und es werden auch ziemlich viele kleine Babyschildkröten daraus. Für kleine, zarte Babyschildkröten gibt es aber auch ziemlich viele Interessenten. Am und im Wasser warten: Möwen, Stinktiere, Waschbären, Raubfische, Plastikmüll, Wilderer… Liste an dieser Stelle beliebig verlängerbar. Auch verirren sich die Kleinen oft auf dem Weg zum Wasser. Statt vom milden Mondlicht, werden sie von den helleren Lichtern der Menschensiedlungen angelockt und landen dann eben dort. 

Nur ein Ei von Tausend wird zur erwachsenen Schildkröte. Eine eher geringe Erfolgsquote.

 

Geschützt – auf dem Papier

 

Meeresschildkröten stehen unter dem Schutz des Washingtoner Artenschutzabkommens CITES. D.h., der Handel mit Schildkrötenprodukten aller Art ist seit 1979 verboten. Das CITES zeigt aber kaum Wirkung, denn der Schwarzhandel mit allem, was man rund um die Meeresschildkröte zu Geld machen kann, blüht nach wie vor. Auch in der Fischerei gibt man sich uneinsichtig. Als Reptilien sind Meeresschildkröten reine Lungenatmer, die zwar einige Stunden, aber nicht ewig, unter Wasser sein können. Verfangen sie sich in einem Netz, ertrinken sie. Zwar wurden schildkrötenfreundliche Fangnetze für die Krabbenfischerei entwickelt, die Krabbenfischer indes weigern sich, diese zu benutzen. Sie fürchten um ihren Ertrag. 

 

Potenzschwache Eierdiebe

 

Eine weitere, nicht unerhebliche, Bedrohung der Meeresschildkröten sind die Eierdiebe. An den Stränden, an denen die Tiere ihre Eier ablegen, warten oft schon Horden an Einheimischen, um die Eier zu stehlen und zu Omelette zu verarbeiten, oder um sie weiter zu verkaufen. Was die Leute meinen, wo neue Meeresschildkröten herkommen sollen, wenn es keinen Schildkrötennachwuchs mehr gibt, ist unklar. Schildkröteneier gelten vielerorts als potenzfördernde Delikatesse. Wer’s nötig hat…

 

Plastik…

 

Wie so gut wie alle Meeresbewohner sind auch Meeresschildkröten von unserem Plastikmüll bedroht. Leibspeise vieler Meeresschildkröten sind Quallen. Und die zahlreich im Meer schwimmenden Plastiktüten sehen ziemlich quallenförmig aus. Das Urreptil kann nicht wissen, dass das todbringendes Junk Food ist. In den Mägen toter Meeresschildkröten finden sich auch andere Plastikteile, wahrscheinlich verwechseln sie diese mit ihrer anderen Leibspeise – kleinen Krebsen.

 

Und auch noch der Klimawandel…

 

Dann gibt es noch den Klimawandel, der die Strände mitunter so sehr aufheizt, dass die Kleinen schon im Ei verbrutzeln. Und wenn sie nicht im Ei verbrutzeln, sind sie häufig durch die Hitze so geschwächt, dass sie sterben, bevor sie das Wasser erreichen. Ausserdem ist das Geschlecht der Schildkröten temperaturabhängig. Bei Temperaturen unter 28° entwickeln sich Männchen, bei Temperaturen darüber Weibchen. Ergo kommen nun mehr Weibchen als Männchen auf die Welt. Wie das aber so ist mit der Fortpflanzung, können sich Weibchen untereinander nicht vermehren. 

 

Die good news

 

Der Klimawandel ist leider ein grösseres, nicht direkt beeinflussbares Problem. Aber es gibt viele Menschen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass dieses Urtier einfach so verschwindet. Und so engagieren sich Viele: Im Schutzgebiet „La Flor“ in Nicaragua zum Beispiel, dort, wo die Oliv-Bastardschildkröte ihre Eier ablegt, patrouillieren mittlerweile bewaffnete Einheiten zur Zeit der Eiablage. Auf den Kapverden bewachen Mitglieder der Turtle Foundation die Strände. Dort hatten 2007 Wilderer 1200 weibliche Unechte Karettschildkröten auf dem Weg zur Eiablage getötet. Seitdem die Turtle Foundation auf den Kapverden aktiv ist, ist das nicht mehr vorgekommen. Weltweit gibt es zahlreiche Projekte und Schutzzentren für junge und/oder verletzte Meeresschildkröten und Freiwilligenprojekte (volunteerworld.com/de/volunteer-abroad/meeresschildkroeten). Die Schweizer Organisation OceanCare (oceancare.org) finanziert und unterstützt rund um die Balearen und Malta Forschungs- und Schutzprojekte zum Thema Meeresschildkröten. In Mexiko gibt es den Xcaret Mexiko Ecopark, der Schildkröteneier ausbrütet und die Kleinen dann aufpäppelt, bis sie eine bestimmte Grösse erreicht haben. Die Tiere freizulassen ist ein Happening für Alt und – viel wichtiger – Jung (siehe Film). Es tut sich was.