Die Weinbergschnecke. Meine Herzensheldin.

Seit der Jurazeit kriechen sie auf der Erde herum. Schnecken sind etwas ganz Besonderes, nicht nur, weil die Beauty Branche sie in den letzten Jahren sie für sich entdeckt hat. Allein schon ihr Liebesakt ist grosses Gefühlskino.

 

 

„Über welches Tier wollen Sie denn geprüft werden?“, hatte mein Zoologieprofessor in der Prüfung gefragt. 

„Die Weinbergschnecke“, hatte ich gestrahlt.

Des Professors Augenbrauen hatten sich kritisch in alle Richtungen gekringelt. Er war schliesslich eingefleischter Regenwurmfan, und die meisten seiner Studenten fügten sich klaglos in ihr Schicksal und redeten eine Stunde lang über den Regenwurm, ohne Punkt und Komma. Ich aber war Weinbergschneckenfan. Bin ich heute noch. 

 

Kriechender Magen

Die Weinbergschnecke, auf schlau Helix pomatia, gehört zu der Tierklasse der Magenfüssler, auf schlau Gastrapoda. Mit so etwas pannenanfälligen wie einem Skelett macht sich die Weinbergschnecke also gar nicht erst herum. Und so ist sie auch im hohen Alter von zwanzig Jahren – so alt können sie in Gefangenschaft tatsächlich werden – frei von Rheuma und gichtigen Fingern. Ihren Magen und alles, was die Schnecke sonst noch so zum Verdauen braucht, trägt sie im sogenannten Eingeweidesack mit sich herum. Der ist komplett im Haus verstaut, welches ganz aus Kalk und fast immer rechtsgängig ist. Nur eine von 20’000 Weinbergschnecken hat ein linksgängiges Haus. Der Volksmund nennt ein solch besonderes Tier „Schneckenkönig“. 

 

Langsamer Faltenkiller

Die Weinbergschnecke hat es nie eilig. Mit etwa 4 Metern pro Stunde (!) kriecht sie das Leben eher langsam an. Dabei hinterlässt sie eine Schleimspur, und dieser Schleim gilt mittlerweile unter Beauty-Junkies als DAS Mittel gegen Falten. Der Schleim enthält nämlich Glykolsäure, die die Haut straffer machen soll. Weil das Wort „Schleim“ marketingtechnisch eher schwer an die Leute zu bringen ist, haben findige Werbestrategen den Schneckenschleim in Schneckengel umgetauft. 

 

Weinbergschnecken und Weinberge

Weinbergschnecken leben in grossen Teilen Mitteleuropas. Von Mittelfrankreich über Südengland bis zum Baltikum. In Mazedonien und Italien ist Schluss, dort übernehmen die türkischen und die griechischen Verwandten. 

Unsere Weinbergschnecke lebt in lichten Wäldern und an Waldrändern, alles bitte mit kalkhaltigem Untergrund, und als Kulturfolgerin eben auch in Weinbergen. Im Gegensatz zur buckeligen Überflüssigverwandten, der Nacktschnecke, macht sich die Weinbergschnecke auch nützlich: Sie frisst die Gelege von Nacktschnecken und über Pflanzen macht sie sich nur dann her, wenn die schon angewelkt sind. 

 

Gefühlvolle Feinschmeckerin

Die Weinbergschnecke hat diverse Rezeptoren, mit denen sie riechen und schmecken kann. Mit den zwei kleinen Fühlerchen, die sich unten an ihrem Kopf befinden, folgt sie Geruchsspuren, mit den beiden oberen Fühlern kann sie sehen. Mit ihrer Raspelzunge, der Radula, knabbert sie an allem, was ihr schmackhaft erscheint. Atmen tut die Weinbergschnecke übrigens über ein Atemloch, das sich seitlich am Körper befindet, weswegen sie zu den Landlungenschnecken gehört. 

 

Noch viel gefühlvollere Liebhaberinnen

Hach. Allein schon fürs Vorspiel lassen sich Schnecken bis zu einem ganzen Tag Zeit. Da wird mit den Fühlern getastet und mit den Mündern berührt. All das in vertikaler Position, denn die Schneckenkörper kleben Kriechfläche an Kriechfläche. Schnecken paaren sich wahllos mit jedem, der dazu bereit ist. Ein entscheidender Vorteil, da Schnecken, wie oben erwähnt, sich eher langsam fortbewegen und auch keinen allzu grossen Aktionsradius besitzen. Ein weiterer Vorteil der Schnecken ist, dass sie zweigeschlechtlich sind. Sie sind also nicht darauf angewiesen, einer Schnecke vom anderen Geschlecht über den Weg zu kriechen, bei ihnen passt es eben immer. 

 

Amors Pfeil

Haben Weinbergschnecken dann jemanden getroffen, mit dem sie Schneckennachwuchs machen können, kleben sie für die nächsten Stunden aneinander, tastend und knutschend. Beide Schnecken haben einen sogenannten Liebespfeilsack, in dem sich ein kleiner Kalkstachel, demnach der Liebespfeil, befindet. Diesen schiesst die eine Schnecke der anderen Schnecke in den Fuss, die daraufhin ihre weibliche Seite zum Vorschein bringt. Dem Liebespfeil folgt dann ein Samenpaket. Die Schnecke, die in dieser Paarung als Weibchen fungiert, produziert anschliessend Eier in ihrer Zwitterdrüse, die sie von dort in Richtung Samenpaket schickt. Die Eier werden befruchtet und ein paar Tage später gräbt die Schnecke sie in der Erde ein. Ein paar Wochen nach der Paarung schlüpfen dann die Babyschnecken. 

 

Regenwurmfan hin oder her, mein Professor liess sich damals von meiner Begeisterung für die Weinbergschnecke anstecken. Für den Rest des Studiums grüssten seine Augenbrauen schon von Weitem und ein Lächeln bekam ich auch immer dazu.

 

Was wir von Weinbergschnecken lernen können? Film ab!