Die Kakerlake. Der Rockstar unter den Insekten.

Nur Keith Richards und die Kakerlaken würden einen Nuklearkrieg überleben, sagte Bill Clinton einst, übrigens bei einer Laudatio auf Keith Richards. Ob sich Richards ob dieses Vergleiches geschmeichelt fühlte, ist nicht überliefert. Könnte er aber, denn die Kakerlake ist ein faszinierendes Lebewesen mit einer entzückenden Makrooptik.

Wie mit allen Tieren, die im Laufe meines Schnetzlersemesters im Grundstudium bei mir auf der Wachsplatte landeten, hatte ich natürlich auch mit der Kakerlake Mitleid. Allerdings etwas weniger als mit der Maus. Also, eigentlich tat ich mir selber auch etwas leid. Kakerlaken riechen nämlich nicht gerade angenehm. Ausserdem haben sie einen zähen, recht widerstandsfähigen Chitinpanzer. Endlich aufgeschnitten, war die Kakerlake innen drin etwas unübersichtlich. Die Kakerlake hatte in ihrem Inneren nämlich einen relativ grossen, wabbeligen Fettkörper, der immer wieder wichtige Kakerlakenorgane verdeckte. Um alles professorengerecht zeichnen zu können, musste ich den Fettkörper immer mal wieder von A nach B schieben. Die Kakerlake roch unterdessen munter weiter.

 

 

Um mir einen besseren Überblick zu verschaffen, legte ich Platte plus Tier schliesslich unter ein Binocular. Und siehe da: Geht man ganz, ganz nah heran an das Kakerlakengesicht, sind da winzige, borstige Bartstoppelchen. Herzig! Es gibt durchaus unansehnlichere Gesichter. Hände hoch, wer jetzt an Keith gedacht hat!

 

Von Kakerlaken und Bomben

Dass Kakerlaken den atomaren Erstschlag überleben würden, ist übrigens ein schönes Märchen. Richtig ist, dass sie wegen ihres dicken Chitinpanzers resistenter gegenüber atomarer Strahlung sind, als beispielsweise der Mensch (möglicherweise mit Ausnahme von Keith Richards). Wissenschaftler haben jedenfalls herausgefunden, dass Kakerlaken der Strahlendosis der Hiroshima Bombe hätten widerstehen können, die Strahlendosis einer Atombombe in der Stärke, wie sie heute gebaut wird, wäre allerdings ihr Ende. Dass sie aber insgesamt recht robust sind, hat die Geschichte gezeigt: Sie haben seinerzeit den Meteoriteneinschlag überlebt, der die Dinosaurier ins Jenseits befördert hat – Kakerlaken besiedeln diesen Planeten nun schon seit über 200 Millionen Jahren. 

 

Vom Schädling zum Nützlich - eine Tellerwäscherkarriere

Gemeinhin gelten Kakerlaken als Schädlinge. Was daran liegen könnte, dass Kakerlaken a. ziemlich unverwüstlich sind, b. sich von so ziemlich allem ernähren können und c. zudem in Rudeln auftreten. Sie sind eben sehr sozial, als Haustier gehalten sogar zutraulich und würden als Single-Kakerlake nachgerade verkümmern. 

Ob das eigene Haus zur Kakerlakenhochburg mutiert ist, ist mitunter ein Zufallsbefund: Wer des Nachts in die Küche stolpert, das Licht anschaltet und dabei eiligst wegrennende kleine Tierchen sieht – voilà, der ist stolzer Kakerlakenwirt. Sie wieder loszuwerden, ist gar nicht so einfach. 

Ist ein Restaurant von Kakerlaken befallen, bedeutet das erst einmal ein finanzielles Desaster. Es sei denn, man ist erfinderisch und grillt die Kakerlaken für die Gäste. Oder pulverisiert sie und verkauft das als Medizin. Klingt irre? Ist es aber nicht: In China gibt es Kakerlakenfarmen, wo Kakerlaken gezüchtet und anschliessend getrocknet und zu Kakerlakenpulver zermahlen werden. Dort gelten sie als Heilmittel gegen Knochen- und Blutkrankheiten, gegen Brustkrebs und Infektionen aller Art. Zumindest die Chinesen glauben daran und legen daher einen Haufen Geld für Kakerlakenpulver hin.

 

 

In ganzer Form gegrillt, sind sie übrigens ein erstklassiger Eiweisssnack. Und wer schmeckt schon heraus, ob der Burger aus Rind oder Kakerlake ist?

 

Und sie haben doch Gefühle!

Kakerlaken sind äusserst sensibel. Sie haben einen ausgezeichneten Geruchssinn und sind sehr licht- und geräuschempfindlich. Ihre „Ohren“ haben sie in den Hinterbeinen. Damit nehmen sie das zarte Krabbeln ihrer Kakerlakenfreunde wahr. Und das ohrenbetäubende Trampeln der Menschen. Kein Wunder flüchten sie hastewaskannste, wenn sich einer von unserer Spezies nähert. Kakerlaken sind übrigens die schnellsten Krabbel-Insekten der Welt: Sie kommen auf eine Höchstgeschwindigkeit von über 5 Stundenkilometern – und das bei einer Körpergrösse von nur einem Zentimeter. Aus diesem Grund gibt es sogar Kakerlakenwettrennen. Das Bekannteste findet jedes Jahr Ende Januar in Brisbane/Australien statt.

 

Kakerlake ganz privat

Eine weitere Sache, von der ich gar nicht wissen will, wie man die herausgefunden hat, ist, dass Kakerlaken bis zu zehn Tage ohne Kopf leben können. Wie die meisten Wirbellosen haben sie Ganglienknoten im ganzen Körper verteilt, die Bewegungen und Verdauung dezentral steuern. Und: Ausgerissene Beine wachsen innerhalb von zehn Tagen nach. Warum Kakerlaken so stinken, haben Wissenschaftler übrigens ebenfalls eruiert: 

 

 

Die Männchen verströmen Pheromone, die die Weibchen anlocken und dann machen die Kakerlaken das, was alle Lebewesen machen, um ihre Art zu erhalten. Die danach befruchteten Eipakete tragen die Weibchen meist ein Weilchen mit sich herum. Nach etwa vier Wochen schlüpfen bis zu 50 Larven (je nach Art) aus dem Eibehälter. Die Larven durchlaufen 5 oder mehr Entwicklungsstadien bis sie schliesslich erwachsen sind. 

 

Rockstar-Lifestyle

Eine echte Gemeinsamkeit von Kakerlake und Rockstar dürfte übrigens der Lifestyle sein. Kakerlaken schlafen den ganzen Tag und sind nur des Nacht aktiv. Dann tun sie entweder fressen oder sich fortpflanzen. Die meisten Arten leben polygam. Erstaunlicherweise gibt es aber auch bei Kakerlaken Arten, die den „Partner fürs Leben“ finden. Kakerlaken können dieses Versprechen aber mit links halten: die Wenigsten werden älter als ein Jahr. 

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