Jeremiahs Weihnachten

 

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie mich der Mann auf seinen Armen die Treppe zum Haus hinaufgetragen hatte. Ich war erst ein paar Wochen alt, frisch getrennt von meiner Mutter und meinen Geschwistern, ziemlich ängstlich und aufgeregt. Der Mann redete beruhigend auf mich ein, und so wusste ich, dass nichts Schlimmes passieren würde, denn wenn was Schlimmes passiert mit Menschen, dann sprechen sie in einem anderen Ton. So viel hatte ich in meinem alten Zuhause schon mitbekommen. Jedenfalls trug mich der Mann in das Haus, da war es sehr warm und hell, Musik spielte und Kinder rannten herum. Der Mann betrat mit mir auf dem Arm das Wohnzimmer. In der Mitte stand ein grosser Tannenbaum, was ich irgendwie seltsam fand, denn normalerweise wachsen Bäume ja draussen im Wald und nicht mitten im Haus… Die Kinder, die vorher noch rumgerannt waren, blieben wie angewurzelt stehen, als sie mich sahen. Und dann fingen sie an, zu schreien.

„Jööööö!!! Schau mal!!! Ein Huuuuuund!!!“

„Der ist für euch“, sagte der Mann, während er mich auf den Boden setzte, „frohe Weihnachten!“

Gefühlt tausend Hände berührten, streichelten und kraulten mich hier und da. Ich war jetzt doch so nervös, dass ich grad eine Pfütze neben den Baum setzte. Alle lachten und fanden das lustig. 

An dem Abend und an vielen, die folgten, stritten die Kinder darum, in welchem Zimmer ich schlafen durfte. Oder vielmehr musste. Ich hätte gerne ein Plätzchen nur für mich gehabt. 

Die Mutter der Kinder ging oft mit mir raus, so dass ich meistens nicht mehr ins Haus machen musste. Ich war eigentlich gerne draussen. Da konnte ich in Ruhe meine Hundesachen machen und die Mutter sich mit ihrem Handy beschäftigen. So hatten wir beide was von unseren Ausflügen, hatte ich jedenfalls gedacht. Aber die Mutter beklagte sich immer öfter bei dem Vater, dass die Kinder nicht mit mir rausgingen und dass es so viel Arbeit mit mir sei. Ich versuchte, alles so zu machen, wie ich dachte, dass es richtig sei. Aber das wurde immer schwieriger, denn alle waren immer unzufriedener mit mir, und als der Winter vorbei, der Frühling durch und der Sommer da war, setzte mich der Mann in sein Auto und brachte mich in ein anderes Haus. Dort war viel Hund und wenig Mensch. Die Frau, die mich dem Mann abgenommen hatte, brachte mich in einen Raum, dort waren schon drei andere Hunde. 

„Tut mir leid, mein Kleiner“, sagte sie, „so wie dir geht es vielen Weihnachtsgeschenken.“

Weihnachten war einfach Scheisse, dachte ich. Was soll das mit den Geschenken, die man hinterher nicht mehr mag und einfach wegwirft?

Die drei anderen Hunde hatten ähnliche Erfahrungen gemacht, einer von ihnen war ebenfalls Weihnachtsgeschenk gewesen. Bei den beiden anderen hatten ihre Menschen irgendwann gesagt, sie seien „allergisch“ auf sie. 

Wie auch immer. Wir sassen da zu viert herum, dürften aber auch ab und zu heraus. Es war oft laut und gestreichelt wurde auch nicht viel, dafür waren zu wenig Menschen und zu viele Hunde da. Meistens war mir entweder alles zu viel oder mir war langweilig. Unser Vierergrüppchen wurde im Laufe der nächsten Monate immer kleiner. Es ging wieder auf Weihnachten zu und wahrscheinlich suchten die Leute wieder nach Geschenken… Schliesslich war nur noch ich in dem Raum. Bis auch ich eines Tages ein neues Frauchen bekam. Die schaute mich an und sagte: „Der ist es.“

Ich wünschte, ich hätte das auch so sagen können, aber ich fand Menschen irgendwie unzuverlässig, launenhaft und nicht vertrauenswürdig. Und bloss, weil sie jetzt nett zu mir war und mit zu sich nach Hause nahm, hiess das ja noch lange nicht, dass sie mich nicht irgendwann wieder ausrangieren würde, wie meine ehemalige Familie das Lametta nach Weihnachten. 

Die Frau im Tierheim hatte meiner neuen Besitzerin gesagt, dass ich Lucky heisse. Aber als wir bei der Neuen im Haus waren, sagte sie zu mir: „Ich werde dich nicht Lucky nennen. Kein einziges Mal. Ich kenne einige Hunde, die so genannt wurden und die ein höchst unglückliches Leben führen. Ab jetzt heisst du Jeremiah. Das war mal ein wichtiger Mensch und ich finde, es passt besser zu so einem wichtigen Wesen, wie du es bist.“

Ich seufzte innerlich. Die guten Vorsätze. Immerhin gab es jetzt besseres Essen als bei der alten Familie, wo ich immer Trockenfutter bekommen hatte. Im Tierheim hatte es auch meist Trockenfutter und ab und zu, aber viel zu selten, was Frisches gegeben. 

Ina, so hiess meine neue Besitzerin, legte sehr viel Wert auf gutes Essen und sie kochte oft für mich. Auch gab sie mir eine sehr bequeme Matte, direkt neben ihrem Bett. Abends, wenn sie selbst ins Bett ging, kraulte sie mir den Kopf, bis sie eingeschlafen war. Wir verbrachten Weihnachten zusammen, das war eigentlich ganz schön. Wir gingen an dem Abend sehr lange spazieren, und dann gab es etwas Feines zu essen. 

Ab und zu kamen Freunde und Familie von Ina zu Besuch. Alle waren immer sehr besorgt um sie, daraus schloss ich, dass irgendwas Schlimmes passiert sein musste. Ina sagte aber immer: „Jetzt, wo ich Jeremiah hab, geht es wieder besser.“ Ich war unsicher, wie lange sie das noch so meinen würde. 

Es kam der Frühling und dann der Sommer. Eines Tages setzte Ina mich in ihr Auto und fuhr sehr sehr lange mit mir. Überraschenderweise nicht in ein weit entferntes Tierheim, sondern an einen sehr grossen See. 

„Das ist das Meer, Jeremiah“, sagte Ina, als sie meinen irritierten Blick bemerkte. Das Meer war wunderschön. Ich sprang hinein und schwamm herum, anschliessend nahm ich noch ein Sandbad und – ach – ich konnte nicht genug bekommen. 

Ina lachte und rief: „Du siehst aus wie ein Sandferkel!“ 

Sie lachte normalerweise selten, aber in diesen Tagen am Meer hatte sie offenbar eine Menge Spass. Auch wenn sie mir jeden Tag den Sand aus dem Pelz kämmen musste. 

„Das macht dir Freude, Jeremiah, nicht wahr?“, sagte sie. Und ja, tatsächlich, ich freute mich. Zum ersten Mal seit ichweissdochauchnichtmehr. 

Eines Tages fuhren wir wieder nach Hause. 

Irgendwas hatte sich da am Meer verändert zwischen Ina und mir. Ich hatte verstanden, dass ich nicht nur wieder eine Weihnachtslaune gewesen war, sondern dass Ina ihr Leben mit mir teilen wollte. Und Ina, die mir an einem Abend am Strand erzählt hatte, dass sie ihren Mann bei einem Unfall verloren hatte, hatte nun, trotz allen Kummers, etwas Lebensfreude in sich. Zu Hause gingen wir nach wie vor spazieren und assen und schliefen gemeinsam. Das hatte sich nicht verändert. Aber ich konnte nun den Platz einnehmen, den mir Ina in ihrem Herz auf sicher angeboten hatte.

Nun steht Weihnachten wieder vor der Tür. Ina und ich werden gemeinsam feiern. Und ich glaube, ich bin jetzt der glücklichste Hund auf der Welt, denn ich habe ein Zuhause.