Runter vom Sofa – how to cook a Reportage

 

Die Reportage gilt als „Königsdisziplin“ im Journalismus. Da das aber auch über das Interview und die Glosse gesagt wird, siedelt die Reportage vielleicht doch eher im mittleren Adel. Nichtsdestotrotz: Eine gute, spannende Reportage liest wohl (fast jeder) gern.

 

„Eine Reportage bedeutet Feindberührung“, hat einer meiner Ausbilder an der Textakademie Zürich gesagt. Das ist in der Theorie richtig, in der Praxis kommt man mit dieser Einstellung nicht weit. Denn: Eine Reportage ist eine Nahaufnahme. Und – wie das Wort ganz richtig suggeriert – muss man dafür NAHE an die Menschen heran. An ihre Welt, ihre Gefühle und Empfindungen, kurz: ihr Leben. Sträubt sich im Schreiber schon innerlich alles gegen einen persönlichen Kontakt, wird das nix. 

Nicht jeder Journalist kann wie Günter Wallraff monatelang Undercover unterwegs sein (wer zahlt sowas heute noch??), sich überall unbeliebt machen und immer wieder vor Gericht stehen. Aber mit Leuten zu REDEN statt nur über sie zu SCHREIBEN, das ist leider unerlässlich für eine Reportage. 

 

Was genau braucht eine Reportage?

Eine Reportage braucht zunächst einmal einen Helden. Ob Mensch, Tier oder Gegenstand ist dabei nicht so essenziell, wichtig ist, dass sich die Reportage um etwas Bestimmtes, belebt oder unbelebt, dreht. Der/die/das Schreibende muss zwingend vor Ort gewesen sein. Sogenannte kalte Reportagen (d.h., mit reiner Internetrecherche geschrieben) sind respektlos gegenüber dem Leser und verdienen denn auch nicht die Bezeichnung Reportage. 

 

Was braucht eine Reportage nicht?

Die Reportage ist, wie bereits oben erwähnt, ein Eigenerlebnis des Schreibers, und reflektiert damit sein subjektives Erleben und seine Eindrücke. Eine finale Bewertung der Ereignisse sollte aber dem Leser überlassen bleiben.

Ausserdem ist die Ich-Form tunlichst zu vermeiden. Der Text darf nicht in einen schulaufsatzgleichen Erlebnisbericht (ich kam, ich sah, ich siegte) ausarten, ausser es handelt sich beim Thema um eine potenzielle Nahtoderfahrung („So lief ich barfuss durch den Himalaya“ oder meine Massage und Murks Reportage).

Eine Reportage beschreibt auch nicht alle Aspekte eines Geschehens, sondern beleuchtet Situationen schlaglichtartig. Die Reportage lebt von der Unvollständigkeit!

 

Unterschied zum Feature

Features sind heutzutage sehr beliebte Darstellungsformen in Zeitungen wie Magazinen. Und Features sind auch wirklich cool, denn mit dem persönlichen Touch machen sie einen Sachverhalt nahbarer als irgendein trockener Bericht mit drögen Zahlen. Mir wurde der Unterschied zwischen Feature und Reportage so erklärt: Ein Feature beschreibt eine bestimmte Person in einer bestimmten Situation, die dann stellvertretend für ein allgemeines Problem stehen. Zum Beispiel Oma Trude im Altersheim, an der der Schreibende dann die Probleme im heutigen Gesundheitswesen mit allen Fakten und Zahlen darlegt. Ergo ist das Feature ein Text, der ein Problem möglichst von allen Seiten beleuchtet.

Bei einer Reportage über Oma Trude im Altersheim, würden Zahlen und Fakten eine untergeordnete Rolle spielen, Hauptdarstellerin wäre Oma Trude und nicht das desolate Gesundheitswesen. Von dem würde ich nur das bringen, was für mich dort vor Ort ganz klar zu erkennen ist („Oma Trude liegt seit drei Stunden mit nasser Windel da, weil es nur eine Pflegerin für hundert Menschen gibt“).

 

Unterschied zum Porträt

Weiterhin ist eine Reportage reich an erzählten Szenen und betroffene Personen kommen zu Wort. Wobei da die Gefahr besteht, ins Porträt abzukippen, d.h., um bei Oma Trude zu bleiben, muss der Fokus auch ab und an weg von der Hauptperson. Was passiert da im Altersheim? Wie riecht es da? Was gibt es für Angebote? Wer pflegt Oma Trude? Es ist ein Miterleben der Situation mit allen Sinnen. 

Ein Porträt würde sich nur mit Oma Trude beschäftigen, ihrem Lebensweg und ihrer Biografie. Beispielsweise was Oma Trude im Krieg erlebt und wie sie das verarbeitet hat. In einer Reportage spielt das dann keine entscheidende Rolle. 

 

Stilfragen…

Erzähltempo und Satzlänge sind an die Situation vor Ort anzupassen. Stehe ich jetzt vor dem brennenden Altersheim und die Feuerwehr kommt angerast, um Oma Trude zu retten, ist es eventuell der Situation nicht angemessen, den Text im Schlafmodus daherkommen zu lassen. Blumige Sätze mit nicht enden wollenden Beschreibungen wären da eher unpassend – schliesslich brennt es und Oma Trude muss dort schnellstmöglich raus. Kurze Sätze, manchmal sogar Einsatzsätze erhöhen das Tempo und die Dramaturgie. 

Was uns zum nächsten Punkt bringt: Eine Reportage ist nicht streng hierarchisch aufgebaut. Sie folgt einer bestimmten Dramaturgie mit Einstieg, Erzählteil, Höhepunkt mit Aussagewunsch und Ausklang.

 

Der Aussagewunsch

Auf der Sache mit dem Aussagewunsch sind sie in der Textakademie ziemlich herumgeritten. In der Journalistenschule hiess das Ding dann „Küchenzuruf“. So hatte es Henri Nannen vom Stern mal genannt. Ich könnte jetzt meinen eigenen Laden eröffnen und noch mal einen eigenen Begriff kreieren, stinkreich damit werden und in die Südsee ziehen… abschweifen darf eine Reportage übrigens auch nicht. Immer schön beim Thema bleiben… und beim Aussagewunsch. Fokussiert und interessiert.

 

Eine gute Reportage zu schreiben ist, neben dem Handwerk, also vor allem Einstellungssache. Weg vom heimeligen Plätzchen am Computer, hinein ins pralle Leben. Wo auch immer es stattfindet.